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Das Abitur – ein Überblick

 

Wer studieren möchte, braucht das Abitur. Aber auch bei vielen Ausbildungsberufen erwarten immer mehr Unternehmen zumindest ein Fachabitur. Das Wort Abitur leitet sich vom lateinischen Verb abiturire für abgehen ab, andere Bezeichnungen sind Matura, Reifeprüfung oder Hochschulreife.

Aber ist das Abitur tatsächlich ein Garant für gute Chancen auf dem Arbeitsmarkt? Können die Gymnasien wirklich die Reife vermitteln, die der Schulabschluss verspricht? Und welche Entwicklung hat das Abitur in Deutschland eigentlich hinter sich?

 

Das Abitur – hier ein Überblick

 

Die Einführung des Abiturs

In Preußen verzeichneten die Universitäten Anfang des 19. Jahrhunderts einen regen Zulauf. Die Offizierslaufbahn war dem Adel vorbehalten und so bot der Militärdienst für die Söhne aus bürgerlichen Haushalten keine rosigen Zukunftsaussichten. Im Unterschied dazu ging ein Studium mit hohem Ansehen und einer ordentlichen Bezahlung einher.

Um an einer Hochschule aufgenommen zu werden, brauchte der Gymnasiast lediglich ein Empfehlensschreiben von seinem Lehrer. Mit diesem Schreiben suchte er den Dekan der Hochschule auf, führte mit ihm ein kurzes Vorstellungsgespräch auf Latein und schon konnte das Studium beginnen. 

Nachdem die Universitäten immer voller wurden und das Niveau gleichzeitig zunehmend sank, entschied die preußische Regierung, eine Reifeprüfung einzuführen. Diese Reifeprüfung sollte an öffentlichen Schulen stattfinden und durch ein entsprechendes Zeugnis belegen, ob der Gymnasiast die Reife für die Universität mitbrachte oder ob nicht. Damit führte Preußen 1788 das Abitur ein.

Allerdings blieb die Reifeprüfung zunächst ohne nennenswerte Folgen, denn die Gymnasiasten brauchten das Abitur nicht, um sich an einer Universität einzuschreiben.

 

Das Abitur als Voraussetzung für ein Studium

In den Jahren nach der Einführung der Reifeprüfung wurde weiter am Abitur als Zugangsvoraussetzung für die Universität gearbeitet. Eine wichtige Rolle spielte dabei der Leiter der preußischen Kultus- und Bildungsverwaltung Wilhelm von Humboldt. Seine Ideen führten zur Neugestaltung des Abiturs.

1812 wurde dann auch zum ersten Mal genau definiert, welche Inhalte die Reifeprüfung haben sollte. Es dauerte aber weitere 22 Jahre, bis das Abitur tatsächlich zur Voraussetzung für den Zugang zu einer Universität und die Aufnahme eines Studiums wurde.

Im Verlauf des 19. Jahrhunderts wurde das Bildungs- und Schulwesen zunehmend verstaatlicht. Schon seit 1763 hatte es zwar erste Bemühungen gegeben, eine Schulpflicht einzuführen, und es existierten auch Elementar- und Volksschulen. In der Praxis blieb der Besuch einer Schule aber ein Privileg für wenige Kinder. Das Gymnasium, die einzige weiterführende Schulform, blieb den Söhnen aus oberen Gesellschaftsschichten vorbehalten.

Die Hauptfächer hier waren Latein und Griechisch, die Lehrer waren Geistliche und überhaupt war die Kirche der Dienstherr von Schulen. Eine Veränderung konnte nur erreicht werden, wenn der Beruf des Lehrers neu ausgerichtet werden würde.

Deshalb etablierte von Humboldt zusammen mit der Abiturprüfung auch eine Ausbildung für Lehrer. Der Lehrer war fortan Beamter und stand somit im Dienste des Staates. Nach und nach wurde so das Schulwesen verstaatlich und die Schulpflicht nahezu flächendeckend eingeführt. Ab 1899 konnten auch Mädchen das Abitur machen.

 

Das Abitur und der Staat

Die Verstaatlichung des Schulwesens ging nicht zwangsläufig mit einer besseren Bildungsqualität einher. Der autoritäre preußische Staat konnte durch die Auswahl der Unterrichtsinhalte und der Lehrer Kontrolle darauf ausüben, wie die Schulkinder ausgebildet wurden. Seine Zielsetzung bestand dabei darin, die jungen Untertanen zu Gehorsam und Kaisertreue zu erziehen.

Auch in Kriegszeiten nahm die Politik großen Einfluss auf die Bildung und schulte das Bewusststein der Kinder für ihr Vaterland.

1914 wurde das sogenannte Notabitur eingeführt. Gymnasiasten, die sich freiwillig zum Militärdienst gemeldet hatten, durften diese besondere Abiturprüfung ablegen. Sie bestand aus einer kurzen mündlichen Prüfung mit einfachen Fragen, auf eine schriftliche Prüfung wurde verzichtet.

Kein Prüfling fiel durch die Abiturprüfung durch, denn wer bereit war, sein Leben für sein Vaterland zu riskieren, sollte nicht an einer Schulprüfung scheitern oder die Schule ohne einen Abschluss verlassen müssen. Die totale Kontrolle über das Schul- und Bildungswesen sollte sich zu Zeiten des Nationalsozialismus wiederholen und auch das Notabitur kehrte mit dem Zweiten Weltkrieg an deutsche Gymnasien zurück.

Das Abitur und die Reformen

In der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg mussten die Bildungsinhalte neu ausgerichtet werden. Außerdem mussten Lehrer ausgebildet werden, die bereit waren, sich von ihren alten Ansichten zu lösen und Demokratie zu lehren. An den Gymnasien fand deshalb eine Rückbesinnung auf alte Klassiker statt.

Goethe, Schiller und Shakespeare kehrten auf den Lehrplan zurück, während die Gegenwartsliteratur und das Thema Politik vermieden wurden. Im Grundgesetz wurde verankert, dass das deutsche Schulwesen unter der Aufsicht des Staates steht. Die Ausgestaltung wurde jedoch auf die Bundesländer übertragen.

1972 wurde das Abitur schließlich neu gestaltet und die reformierte Oberstufe beschlossen. Die Gymnasiasten haben seitdem keine Schulfächer mehr, sondern besuchen Kurse, und statt Noten erhalten sie Punkte. Sie können selbst auswählen, welche Kurse ihre Schwerpunkte bilden sollen, welche Kurse sie weiterhin besuchen und welche Fächer sie abwählen wollen. Kernfächer wie Deutsch oder Mathe müssen aber auf jeden Fall belegt werden. Die Abiturprüfung wird in vier Fächern abgelegt. Dazu werden drei Klausuren geschrieben, das vierte Fach wird mündlich geprüft. Die Ergebnisse der Abiturprüfung und die Punkte aus den Kursen, die in der 12. und 13. Jahrgangsstufe erzielt wurden, werden zusammengefasst und ergeben die endgültige Abiturnote. 

 

Das Abitur und die Reife

Die verschiedenen Regelungen in den einzelnen Bundesländern führen zu unterschiedlichen Varianten des Abiturs. So legen die Schüler in einigen Bundesländern die Abiturprüfung nach 12 Schuljahren ab, in anderen Bundesländern erst nach 13 Jahren und in wieder anderen Bundesländern können die Schüler wählen, ob sie das Abi nach 12 oder nach 13 Jahren machen möchten.

Auch welche Kurse in welchen Kombinationen belegt werden müssen, variiert in den Bundesländern. Selbst die Prüfungsaufgaben sind verschieden. Allerdings hat sich die Kultusministerkonferenz darauf geeignet, dass es 2017 zum ersten Mal einen bundesweit einheitlichen Abituraufgabenpool geben soll. Ein paar Bundesländer wollen aber schon vorher testen, ob gemeinsame Prüfungsaufgaben realisiert werden können.

Früher war das Abitur tatsächlich ein bisschen so etwas wie die Garantie für eine gute berufliche Zukunft. Das Abitur hatte einen hohen Stellenwert, die Abiturienten konnten sich ihre Studienfächer und Hochschulen frei auswählen und der Arbeitsmarkt wartete mit offenen Türen. Diese Zeiten scheinen vorbei. Das Abitur ist längst nichts Besonderes mehr. Die Universitäten sind überfüllt und nur wer ein sehr gutes Abitur hat, hat die Chance, einen Platz in seinem Wunschstudiengang zu ergattern.

Viele Eltern möchten ihr Kind auf dem Gymnasium sehen, denn sie befürchten, dass ein Realabschluss oder gar ein Hauptschulabschluss nicht ausreichen, um einen Ausbildungsplatz zu bekommen. Wenn es mit dem Gymnasium nicht klappt, wird das Abitur eben auf dem zweiten Bildungsweg nachgeholt.

Dazu kommt aber noch ein weiteres Problem. Der technische Fortschritt, die gesellschaftlichen Veränderungen und generell die Entwicklungen in der modernen Welt haben das Wissen der Menschheit enorm wachsen lassen. Alles zu lehren und zu lernen ist unmöglich, aber eine Auswahl zu treffen ist schwer. Die Fehler der Vergangenheit sollen sich schließlich nicht noch einmal wiederholen. Außerdem sollen die Schüler nicht nur Fachwissen mitnehmen, sondern die Schule als reife und sozialkompetente Menschen verlassen. Vielleicht ist aber gerade das die größte Herausforderung für die Gymnasien von heute.

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